Methode 08 · Verdichten und entscheiden
Delphi-Befragung
Die Delphi-Methode befragt eine Gruppe von Experten in mehreren Runden schriftlich und anonym; nach jeder Runde bekommen alle die verdichtete Gruppenmeinung zurück und können ihre Einschätzung revidieren. Anonymität nimmt Status und Rhetorik aus dem Spiel, die Rückkopplung lässt Ausreißer ihre Gründe nennen — und oft sind gerade die Begründungen der Abweichler das Wertvollste. Delphi liefert keine Wahrheit, aber eine belastbare, nachvollziehbare Verdichtung dessen, was informierte Menschen für wahrscheinlich halten, samt der Stellen, an denen sie uneins bleiben.
Vorgehen
- Fragen formulieren. Präzise, quantifizierbar wo möglich: „Wann erreicht Technologie X TRL 8?" statt „Wie sehen Sie die Zukunft von X?"
- Panel zusammenstellen. Vielfalt vor Größe: verschiedene Disziplinen, Branchen, Standpunkte. Zehn bis dreißig Personen reichen meist.
- Runde 1. Anonym, schriftlich; Einschätzung plus kurze Begründung.
- Rückkopplung. Verteilung der Antworten und die Begründungen der Abweichler an alle.
- Runde 2 (ggf. 3). Revision erlaubt; Abbruch, wenn sich die Verteilung stabilisiert — nicht erst bei Konsens.
Stärken
- Nimmt Hierarchie und Lautstärke aus der Urteilsbildung.
- Zeigt nicht nur den Median, sondern die Streuung — und damit die echte Unsicherheit.
- Begründungen der Abweichler sind oft die eigentliche Erkenntnis.
Grenzen
- Aufwendig und langsam; Antwortquoten sinken über die Runden.
- Experten irren gemeinsam — Delphi mittelt Irrtümer nicht weg.
- Die Qualität steht und fällt mit der Fragenformulierung.
So verwenden wir sie in unseren Roadmaps
Delphi setzen wir gezielt ein, wo Scanning und Bibliometrie keine Zeitachse hergeben — bei Durchbrüchen, deren Zeitpunkt nur Fachleute abschätzen können: fehlerkorrigierte Quantencomputer, kommerzielle Fusion, humanoide Roboter im Regelbetrieb. Die Delphi-Ergebnisse gehen als Meilensteine mit Streuung in die Roadmap-Zeitachse ein; die Streuung wird zum Unsicherheitsband.
Wir dokumentieren im Quellenapparat, welche Einschätzung aus einer Delphi-Runde stammt, wie groß das Panel war und wie breit die Verteilung. Ein Delphi-Meilenstein mit enger Verteilung ist eine andere Aussage als einer, bei dem sich die Experten um zehn Jahre uneins sind — beides ist wertvoll, aber verschieden.
Literatur
- Linstone, H. A. & Turoff, M. (Hrsg.) (1975): The Delphi Method. Techniques and Applications. Addison-Wesley, Reading, MA.
- Häder, M. (2014): Delphi-Befragungen. Ein Arbeitsbuch. 3. Aufl., Springer VS, Wiesbaden.
- Rowe, G. & Wright, G. (1999): The Delphi Technique as a Forecasting Tool: Issues and Analysis. International Journal of Forecasting, 15(4), 353–375.